Wie verbreitet sind KI-Chatbots bei Lernenden?
76 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in der Schweiz nutzen Tools wie ChatGPT, Gemini oder Perplexity. 2024 waren es noch 49,7 Prozent. Der Anstieg ist steil, und bei den Jüngsten ist er am steilsten: neun von zehn unter 35 sind dabei.
Für den Unterricht bedeutet das: Die erste Anlaufstelle bei einer offenen Frage ist für einen grossen Teil der Lernenden nicht mehr das Lehrmittel und nicht die Lehrperson, sondern ein Chatbot. Das passiert am Küchentisch, im Zug, in der Prüfungsvorbereitung. Ein Verbot im Schulzimmer ändert daran nichts, es verschiebt die Nutzung nur dorthin, wo niemand sie anleitet.
Prozent suchen mit KI statt mit Google
Anteil der Chatbot-Kenner in der Schweiz, die ChatGPT und Co. anstelle der klassischen Suche nutzen.
Quelle: ComparisIst ChatGPT der beste Tutor?
Die Frage stammt nicht von uns: Sie taucht wörtlich als häufige Nutzerfrage in der Google-Suche auf. Die ehrliche Antwort: Für schnelle Erklärungen ist ChatGPT stark. Als Tutor hat er eine Lücke, und die ist didaktisch, nicht technisch.
Gutes Tutor-Feedback setzt am Fehler an: Es zeigt, an welcher Stelle der Lösungsweg abgebogen ist, und verweist auf die Stelle im Material, an der das Konzept erklärt wird. Dafür muss das System die Aufgabe kennen, das Kapitel und die typischen Fehlvorstellungen dahinter.
ChatGPT im Browser kennt nichts davon. Er sieht nur den eingetippten Prompt und liefert eine plausible Antwort. Ob hinter dem Fehler ein Flüchtigkeitsfehler steckt oder eine Fehlvorstellung, die sich durchs ganze Kapitel zieht, bleibt unsichtbar. Was ein KI-natives Lehrmittel anders macht, haben wir separat beschrieben; die Kurzfassung steht in der Tabelle.
| Frage | Chatbot im Browser | KI-Tutor im Lehrmittel |
|---|---|---|
| Kennt er Aufgabe und Unterrichtsmaterial? | Nein, er sieht nur den Prompt | Ja, er arbeitet im Kontext des Kapitels |
| Was gibt er zurück? | Eine fertige Antwort | Einen Hinweis, wo der Lösungsweg abbog |
| Was sieht die Lehrperson? | Nichts | Wo die Klasse als Ganzes hängt |
| Datenschutz | Nutzungsbedingungen des Anbieters, Daten meist ausserhalb der Schweiz | Nach Schweizer Recht (nDSG) prüfbar |
Was Lehrpersonen jetzt tun können
Der Umgang mit KI lässt sich anleiten wie jedes andere Arbeitsmittel. Drei Schritte strukturieren den Einstieg, ohne Technik-Projekt und ohne neues Budget.
Die Frage ist nicht mehr, ob Lernende eine KI fragen. Die Frage ist, ob die Antwort ihren Lösungsweg weiterbringt oder nur ein Resultat zum Abschreiben liefert.
- Regeln klären statt verbieten. Der Kanton St. Gallen hält in seinen Grundlagen zu KI im Schulalltag fest: keine Personendaten in Prompts, Nutzung nur anonymisiert, Altersgrenzen der Anbieter beachten. Solche Leitplanken lassen sich in einer Lektion mit der Klasse vereinbaren.
- Aufgabenformate anpassen. Eine Aufgabe, deren Antwort ein Chatbot in Sekunden liefert, prüft kein Denken mehr. Lösungswege sichtbar machen hilft: Zwischenschritte verlangen, mündlich erklären lassen, oder die Klasse den Fehler in einem KI-generierten Text suchen lassen.
- Werkzeuge mit Kontext wählen. Wo die KI das Unterrichtsmaterial kennt, wird aus der Antwortmaschine ein Lernbegleiter. Wir bauen mit Mentivo an einem digitalen Lehrmittel für die Schweizer Sekundarstufe II, dessen Tutor den Lösungsweg erklärt statt Noten zu verteilen. Es entsteht mit Lehrpersonen zusammen und ist noch in Erprobung. Wenn Sie es mit Ihrer Klasse erproben oder den Start nicht verpassen wollen: Die Warteliste ist offen.
Kein Chatbot ersetzt die Lehrperson. Aber eine Lehrperson, die den Umgang mit KI anleitet, ersetzt das heimliche Abschreiben durch etwas Besseres: einen sichtbaren Lösungsweg, über den sich reden lässt.